Vertraut man den Fanfarenstößen, die seit einigen Jahren mit Macht geblasen werden, dann steht der Welt und speziell Deutschland Übles bevor: Die Menschen werden alt und älter, die Kosten explodieren, Kinder gibt es nicht mehr, der "Generationenvertrag", obwohl ungeschrieben, wird trotzdem gekündigt, die Löhne werden sinken, der Lebensstandard sowieso und trotzdem wird das Herr der Arbeitslosen nicht kleiner, sondern größer.

Landauf, landab sind diese Töne zu hören. Sowohl laut und populistisch (ja - Herr Missfelder sitzt inzwischen im Bundestag...) als auch leise, eindringlich und vorgeblich auf Fakten gestützt. Und dabei ist es nahezu egal, ob man als Intellektueller die FAZ liest oder sich als geistiger Fußgänger lieber BILDet, ob man Christiane Sabinsen oder lieber Bärbel Schäfer sieht, ob man Politiker der CDU, der SPD, der Grünen oder der FDP hört oder ob man einfach gar nicht mehr hinsieht, hinhört, mitredet, mitmacht - die Prognose scheint ebenso klar und unumkehrbar zu sein: Alles ist schlecht und wird immer noch schlechter, die Globalisierung lässt keine Alternativen zu und Angst essen Seele auf.

Selbst die Kirchen hat diese Weltuntergangsstimmung ergriffen, selbst in Kirchen wird das Lied vom unaufhaltbaren Ende all dessen, was einst gut und möglich war, gesungen. Vergessen der Umstand, dass im Wort Protestantismus der Wortstamm "Protest" steckt, vergessen auch die Tradition alt- und neutestamentlicher Prophetie, die Recht und Gerechtigkeit auch dann einfordert, wenn es nicht in die powerpoint-presentations und charts der Berater passt, die auch dann noch ein deutliches "Wehe" im Namen Gottes erklingen ließ, wenn dieses "Wehe" mit Gefahren für Leib und Leben verbunden war.

Schade eigentlich...
Aber kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, wirklich nicht. Auch Rom ist nicht an einem Tag verbrannt worden, und solange es noch brennt, gibt es die Möglichkeit, Schaden zu begrenzen und Schlimmeres zu verhüten.

Und deshalb einfach mal ein paar Tatsachen, die in der öffentlichen Diskussion so gut wie nie genannt werden:

Gesagt wird, dass es zu wenig Arbeit gibt, dass Arbeit zu teuer ist, dass die Arbeiter für ihre Arbeit zu viel Geld bekommen und die, die nicht arbeiten, für ihre Nichtarbeit zu gut subventioniert werden. Was dann wiederum über die Lohnnebenkosten die Arbeit teurer macht und dazu führt, dass Polen, Tschechen und Ukrainer aus dem Lachen gar nicht mehr herauskommen.

Diese Behauptung freilich geht von zwei Annahmen aus, die schlicht und einfach falsch sind: Annahme 1 lautet: "Es ist nicht mehr genug Arbeit da" und Annahme 2 besagt, dass auf jeden Fall zu wenig Geld da ist.

Beide Aussagen kann man recht leicht entkräften:

Natürlich ist genug Arbeit da. Seriöse Berechnungen gehen davon aus, dass bei einem Abbau der Überstunden und bei gleichzeitigem Abbau von Schwarzarbeit etwa 1,5 Millionen Stellen neu geschaffen bzw. zurück in die Legalität geholt werden können. Nimmt man dann noch den Umstand dazu, dass es eigentlich gar nicht genug PflegerInnen, TherapeutInnen, LehrerInnen und SozialarbeiterInnen geben kann und dass unsere wohl wichtigste Ressource umfassende und qualifizierte Aus- und Fortbildung aller Altersschichten ist, dann gibt es eigentlich keinen Zweifel, dass Arbeit genug in unserem Land vorhanden ist. Und wer meint, dass derart intellektuelle und soziale Tätigkeiten nun mal nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen in Frage kommt, dem empfehle ich, an einem beliebigen Tag die komplette Hüttenberger Hauptstrasse von Hörnsheim nach Hochelheim zu befahren, die Flickstellen und Schlaglöcher zu zählen, und dann zu fragen, ob nicht langsam mal wieder Straßenbau angemessen wäre. Sonderlich angenehm ist diese "Sarotti-Strasse" (remember: "Stückchen an Stückchen") jedenfalls nicht.

Kommt natürlich direkt Frage 2 hinterher: "Wer soll das bezahlen?" - Wer soll das bezahlen in Anbetracht einer Staatsverschuldung, die so hoch ist, dass sie einen Privatunternehmer längst in den Konkurs gezwungen hätte? - Wer soll das bezahlen, wenn doch die Kosten für das soziale Netz dauernd steigen, die Einnahmen durch Steuern und Lohnnebenkosten aber nicht unendlich steigerbar sind? - Und hier beginnt der ganz große Trugschluss. Denn es ist ja nicht weniger Geld da. Im Gegenteil: Eine sinkende Anzahl von Menschen produziert zugleich ein steigendes Bruttosozialprodukt. Was übrigens kein Geheimnis ist und auch keine Behauptung - jede(r), der/die will, kann dies in den diversen Statistiken nachlesen. Logisch wäre es dann allerdings, dass dann, wenn Faktor a (das BSP) wächst, Faktor b (die Bevölkerung) aber abnimmt, pro Kopf mehr an Geld vorhanden sein müsste. Ist es auch!

Aber... Gigantische 300 Millarden Euro werden in diesem Jahr via Kreditwesen von denen, die Kredite nehmen müssen, zu denen, die Kredite geben können, wandern. Und das ist kein statistischer Ausreißer, sondern eine wachsende Zahl. Also sind es 300 Milliarden Euro, um die am Ende des Jahres die Reichen reicher sind. In diesem Zusammenhang von einer Schere zu sprechen, die zwischen arm und reich immer weiter aufgeht, haut metaphorisch meilenweit am Kern vorbei. Denn unsere Kreditwirtschaft hat längst dazu geführt, dass sie ein gigantisches schwarzes Loch ist, das alles andere in sich aufsaugt.

Um das noch ein wenig zuzuspitzen, sei darauf verwiesen, dass von den nahezu unvorstellbaren 5000 Milliarden Euro, die den Deutschen auf die eine oder andere Weise gehören (um das mal in ein paar Vergleiche zu fassen: Das sind 3x die Verschuldung des Bundes, 30x der Haushalt des Bundes oder alle Haushalte aller christlicher Kirchen in Deutschland mindestens bis zur Wiederkunft des Herrn), nahezu die Hälfte in der Hand der oberen 10 % liegt. Ohne hier Neid schüren zu oder Enteignung predigen zu wollen - wenn dieser Besitz mittels Erbschaft den Besitzer wechselt, sollte es möglich sein, einen erheblich größeren Teil als im Moment den Aufgaben des Sozialstaates zukommen zu lassen, oder?

Die crux besteht daher schlicht darin, dass unser Sozialstaat weitgehend von denen bezahlt wird, die (noch) Arbeit haben, nicht aber von denen, die das Glück haben, nicht mehr für Geld arbeiten zu müssen. Das war mal anders...

Nimmt man das von der FR und dem Publik-Forum herausgegebene "Jahrbuch Gerechtigkeit" zur Hand, kann man auf S.242 f. nachlesen, dass bis 1970 Gewinn- und Vermögenssteuern, mithin der Faktor "Kapital", deutlich mehr zur Steuerlast beitrug, als die Lohnsteuer, also der Faktor "Arbeit". Dies hat sich seit 1970 umgedreht mit der Folge, dass Arbeit durch die auf ihr lastenden Kosten in Deutschland tatsächlich immer teurer wird. Was mit der Entwicklung der Einkommen allerdings nicht verwechselt werden darf.

Und deshalb das Fazit:
Arbeit wäre genug da.
Geld wäre genug da.

Das Problem ist, wie das eine zum anderen kommt.
Oder simpler gesagt: Deutschland hat kein Armutsproblem. Wohl aber ein Verteilungsproblem.

Kirche, die sich in der Tradition der Propheten sieht, tut gut daran, dies zu thematisieren. Und nicht mit den Wölfen zu heulen und die Neoliberalen rechts überholen zu wollen.

Und vielleicht hatten die Rolling Stones ja Recht?
"The time is ripe for fighting in the streets, yeah..."

Heiko Ehrhardt


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